BigBlueButton – Videokonferenzen

Lesezeit: 6 Minuten

Über BigBlueButton wird spätestens seit der Schulschließung durch Corona viel geredet. Die Open Source Videokonferenz Plattform weckt neben Jitsi1siehe dazu den Datenschutz Check – Jitsi – Videokonferenzen als eine der zweifelsfrei datenschutzfreundlichen Alternativen das Interesse vieler Schulen. BigBlueButton ist in seinen Funktionen einem Zoom näher als Jitsi. Wie bei jeder Videoplattform bergen mehr Funktionen aber auch mehr potentielle Risiken. Bei BigBlueButton können über eine sachkundige, auf Sicherheit und Datensparsamkeit ausgelegt Konfiguration viele mögliche Probleme von vornherein vermieden werden.

Hinter BigBlueButton steht eine kanadische Firma gleichen Namens, die ihre Plattform selbst als eine Internet-Konferenz-Plattform für Online Lernen 2„web conferencing system for online learning“ beschreibt. Der Code für die Videokonferenz Plattform ist offen verfügbar auf Github.

Anders als bei Jitsi gibt es so gut wie keine offen zugänglichen BigBlueButton  Server. Das könnte unter anderem daran liegen, dass die Plattform auf Server-Seite sehr leistungshungrig ist, wenn eine größere Anzahl von Teilnehmern an einer Videokonferenz teilnehmen möchte. In Deutschland und Europa bieten einige Hoster BigBlueButton Pakete an. Außerdem haben einige Anbieter von Plattformen für Schulen3z.B. Vicole, iServ und Schul-Apps4z.B. DieSchulApp BigBlueButton in ihr Produkt integriert. NextCloud bietet über ein App eine Möglichkeit, BigBlueButton direkt in NextCloud Talk zu integrieren. BigBlueButton kann außerdem integriert werden in Drupal, Moodle und WordPress.

Für Schulen, die keine der genannten Plattformen oder Apps nutzen und BigBlueButton zubuchen können, besteht die beste Lösung darin, den Schulträger zu überzeugen, eine BigBlueButton Instanz für seine Schulen einzurichten bzw. bei einem beauftragten IT Dienstleister einrichten zu lassen. Mit dem Schulträger oder IT Dienstleister ist dann ein Vertrag zur Auftragsverarbeitung abzuschließen.

BigBlueButton setzt die Erstellung von Nutzerkonten für Lehrkräfte voraus, da es nur registrierten Nutzern möglich ist, Räume für Meetings zu eröffnen. Schüler können als Teilnehmer ohne Anmeldung einem Meeting beitreten.

BigBlueButton, Dienste Dritter und Sicherheit

Wie bei jeder im Internet gehosteten Plattform hängt die Sicherheit vom genutzten Server und der Konfiguration der Plattform selbst ab. Da BigBlueButton recht viele Funktionen hat, hängt die Sicherheit gerade im Umfeld Schule auch davon ab, welche Funktionen in welcher Form zugelassen werden. Dazu gehört beispielsweise die Deaktivierung der Funktion zur Aufzeichnung von Videokonferenzen und die Deaktivierung der Kameras aller Teilnehmer per Voreinstellung.5Sie können dann von der Lehrkraft während des Unterrichts freigegeben werden. Schüler müssen die Kamera dann auf ihrer Seite noch einmal aktivieren. BigBlueButton wird oft mit einer Greenlight Instanz zusammen betrieben. Greenlight ist eine Open Source Anwendung der gleichen Firma, die eine einfache Schnittstelle für Benutzer bietet, um Räume zu erstellen, Besprechungen zu starten und Aufzeichnungen zu verwalten. Neben dem Login über Greenlight selbst, wird aktuell SOO über Google OAuth2, Office365 OAuth2 und LDAP unterstützt. Aus Sicherheitsgründen sollte so beispielsweise die Selbstregistrierung von Nutzern deaktiviert und Lehrkräfte über den Administrator angelegt werden. Bei der Auswahl eines Servers für den Betrieb einer BigBlueButton Instanz sollten, falls die Einrichtung nicht durch den Schulträger oder beauftragten IT Dienstleister erfolgt, deutsche oder europäische Anbieter mit Serverstandorten in der EU bevorzugt werden. Es ist zum Betrieb einer BigBlueButton nicht erforderlich, zusätzliche Dienste Dritter, etwa eines Google STUN Servers, in Anspruch zu nehmen. Alle erforderlichen Komponenten können im Installationsprozess halbautomatisch aus weitere Open Source Paketen mit installiert werden. Bei der Koppelung von BigBlueButton mit Schulservern oder Schul-Apps sollte darauf geachtet werden, dass das Rechte- und Rollenkonzept, Schülern innerhalb BigBlueButton nur die Rechte gibt, die sie zur Teilnahme an einer Videokonferenz tatsächlich benötigen.

Problem – Aufzeichnung von Videokonferenzen

BigBlueButton zeichnet in Videokonferenzräumen, in denen die Aufnahmefunktion nicht deaktiviert wurde, im Hintergrund die komplette Videokonferenz in Form einer RAW Datei auf. Aus dieser wird, wenn die Aufnahmefunktion im Laufe der Videokonferenz genutzt wird, im Anschluss eine Datei erzeugt, die für Veröffentlichungen geeignet ist. Sobald die Aufnahmefunktion im Laufe einer Videokonferenz aktiviert wird, wird die RAW Datei dauerhaft gespeichert. Wird die Aufnahmefunktion nicht genutzt, bleibt die RAW Datei für zwei Wochen gespeichert und wird dann automatisch gelöscht. Es sollte aus Sicherheitsgründen in BigBlueButton oder Greenlight die Aufnahmefunktion grundsätzlich für Meeting Räume deaktiviert werden. Außerdem sollte die in den Informationen zur Datenverarbeitung bei BigBlueButton (engl. Sprache) beschriebene Möglichkeit genutzt werden, die aufgezeichnete RAW Datei, unmittelbar nach Ende der Videokonferenz automatisch zu löschen. Dazu muss die Konfiguration angepasst werden.6siehe dazu https://docs.bigbluebutton.org/admin/privacy.html#bigbluebutton-stores-full-raw-recording-data So kann zwar nicht verhindert werden, dass die RAW Datei ensteht, wenn versehentlich ein Meeting Raum erstellt wurde, bei dem die Aufnahmefunktion verfügbar ist, sie wird jedoch direkt im Anschluss an die Videokonferenz wieder gelöscht.

Grundsätzlich sollten Meeting Räume für Videokonferenzen in BigBlueButton immer mit deaktivierter Aufnahmefunktion erstellt werden, da nur so sichergestellt werden kann, dass im Hintergrund keine automatische Aufzeichnung und Speicherung durch das System erfolgt.

Rechtsgrundlage der Nutzung

Vertrag zur Auftragsverarbeitung

Die Nutzung einer BigBlueButton Instanz sollte immer mit einem Vertrag zur Auftragsverarbeitung abgesichert werden, um der Schule die für sie erforderliche Kontrolle über die Verarbeitung der personenbezogenen Daten von Schülern und Lehrkräften zu geben. Wer mit wem den Vertrag abschließt, hängt vom Setting ab.

Beispiel

Der Schulträger beauftragt einen Hoster, BigBlueButton für seine Schulen zur Verfügung zu stellen. Mehrere Schulen erhalten Nutzerkonten in der gemeinsam genutzten BigBlueButton Instanz. Die Schulen können mit dem Hoster in den seltensten Fällen selbst einen Vertrag zur Auftragsverarbeitung abschließen, da Hoster diese Verträge in der Regel nur mit dem Auftraggeber abschließen. Das ist der Schulträger. Demnach müssten die Schulen einen Vertrag zur Auftragsverarbeitung mit dem Schulträger abschließen bzw. den bereits bestehenden erweitern. In diesem Vertrag ist der Hoster dann als Unterauftragnehmer aufgeführt.7Prinzipiell wäre denkbar, dass die Schulen gemäß Art. 26 DS-GVO dem Hoster gegenüber als gemeinsam Verantwortliche auftreten. Sie würden dann entsprechend Verträge zur Auftragsverarbeitung abschließen. Im Schulgesetz NRW ist eine solche Konstellation bisher jedoch noch nicht berücksichtigt. Es steht zu vermuten, dass dieses auch auf andere Bundesländer zutrifft.

Öffentliche Instanzen

Es gibt einige wenige frei nutzbare BigBlueButton Instanzen. Eine Nutzung sollte hier mit Schülerinnen und Schülern allenfalls zu Testzwecken erfolgen. Ohne einen Vertrag zur Auftragsverarbeitung bewegt man sich bei der Nutzung dieser öffentlichen Instanzen je nach Bundesland irgendwo im einem Bereich zwischen Grauzone und Rechtsverstoß. Das gilt auch dann, wenn eine benachbarte Universität oder der Schule bekannte Firma einen kostenlosen Zugang zu einer BigBlueButton Instanz zur Verfügung stellt. Wenn so eine Angebot absolut vertrauenswürdig ist und die Instanz sicher konfiguriert betrieben wird und dadurch für Schüler und Lehrkräfte absolut keine Risiken entstehen, ändert das nichts an der Tatsache, dass die Nutzung für eine Schule ohne Vertrag zur Auftragsverarbeitung aus rechtlicher Sicht problematisch ist. Gibt’s vom Anbieter auf für umsonst einen Vertrag zur Auftragsverarbeitung, dann ist alles OK.

Zustimmung/ Einwilligung

Nutzt die Schule eine BigBlueButton Instanz, die entweder von ihr selbst betrieben ist oder abgesichert durch einen Vertrag zur Auftragsverarbeitung vom Schulträger,  einem beauftragten IT Dienstleister, einem Schulserver Anbieter oder einer Schul-App bereitgestellt wird, setzt die Teilnahme an einer Videokonferenz die informierte und freiwillige Einwilligung der Betroffenen voraus. Da für die Nutzung durch Lehrkräfte Konten erforderlich sind, müssen dort, anders als bei den Schülern, auch Daten zur Erstellung und Nutzung eines Kontos berücksichtigt werden.

Bei Nutzung einer öffentlichen BigBlueButton Instanz bliebe nur eine Nutzung mit informierter Zustimmung. Für schulische Zwecke ist diese Lösung nicht unbedingt ideal.

Vorlagen für Einwilligung und Informationen über Datenverarbeitung

Vorlagen für das Einholen einer Einwilligung bei den Nutzern einer  BigBlueButton Instanz, differenziert nach Lehrkräften (mit Nutzerkonto) und Schülern, finden sich unter – Einwilligung – Vorlagen für BigBlueButton.

Abschließende Bewertung

Diese Bewertungen gehen von der Nutzung einer BigBlueButton Instanz aus, die auf ein Maximum an Sicherheit und ein Minimum an erforderlichen Daten der Nutzer hin konfiguriert ist. Sie geht auch davon aus, dass auf dem Server, auf welchem sie betrieben wird, keine weitere Software installiert ist, die Dritten Zugriff auf und Analyse von Nutzerdaten ermöglicht.

Nutzung mit Vertrag zur Auftragsverarbeitung

Betrieben durch den Schulträger, einen IT Dienstleister oder im Rahmen eines von der Schule genutzten Schulservers oder einer Schul-App kann BigBlueButton aus Sicht des Datenschutz ohne Risiken genutzt werden, die von der Technik der Plattform selbst ausgehen.

Nutzung auf privaten Endgeräten/ von zu Hause aus

Bei einer Nutzung von BigBlueButton entstehen für Gastgeber und Teilnehmer auch bei einer Nutzung auf privaten Endgeräten und von außerhalb der Schule keine Risiken, die von der Technik selbst ausgehen.

Empfehlung

Die Nutzung von BigBlueButton kann im schulischen Kontext aus Sicht des Datenschutz nur empfohlen werden. Der Betrieb einer BigBlueButton Instanz durch Lehrkräfte in der Schule ist möglich, setzt jedoch voraus, dass diese Personen sich auskennen. Mit schlechter Konfiguration kann auch BigBlueButton ein Sicherheitsrisiko darstellen. Die Mehrheit der Schulen ist am besten beraten, wenn sie eine BigBlueButton Instanz nutzen kann, die durch den Schulträger oder einen IT Dienstleister auf der Grundlage eines Vertrag zur Auftragsverarbeitung bereitgestellt wird. Wer bereits einen Schulserver nutzt oder eine Schul-App, bei der man BigBlueButton zusätzlich buchen kann, sollte diese Möglichkeit nutzen.

Hinweise zu Optionen für eine datenschutzkonforme Konfiguration finden sich unter anderem unter Documentation for GDPR compliant setup (GitHub).

Tipps zur Nutzung

Da BigBlueButton bei vielen Bildungsinstitutionen sehr beliebt ist, findet man mit einer Internetsuche eine große Zahl aktueller Anleitungen zur Nutzung. Wie bei allen Videokonferenz Plattformen kommt es darauf an, mit welchen Einstellungen gearbeitet wird. Räume sollten mit einem Kennwort geschützt werden. Screensharing sollte deaktiviert sein, denn auch BigBlueButton-Bombing ist möglich.

Weiter lesen

BigBlueButton – Mein Favorit, eine Beitrag von Andreas Engl in seinem Blog Engelszungen, in welchem er die Möglichkeiten der Plattform beschreibt.

Stand 05/2020