Schulische Plattformen verbindlich einführen?

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Im Mai 2020 hat die LDI NRW die Schrift LDI NRW – Pandemie und Schule veröffentlicht und diese Schrift hat es in sich. Man muss sie sehr genau durchlesen und findet Erstaunliches.

Die LDI NRW hält es für vertretbar, E-Learning-Plattformen und Videokonferenz Plattformen verbindlich einzuführen.

Sie stützt diese Einschätzung auf die anstehenden Änderungen des Schulgesetz NRW.1Siehe dazu auch den Beitrag Obligatorische Einführung einer Plattform und dort den Abschnitt „Obligatorisch auch jetzt schon denkbar?“ Dort werden die rechtlichen Grundlagen geschaffen, um Plattformen wie itsLearning, Moodle, iServ, Logineo NRW und ähnlich für Schüler und Lehrkräfte verbindlich einzuführen.

In der Schrift heißt es auf Seite 9 und 10:

Im Vorgriff auf die ausdrücklich vorgesehene Gesetzesänderung ist es aus Sicht der LDI NRW hinnehmbar, die Verarbeitung der zum Einsatz von E-Learning-Plattformen erforderlichen Daten vorübergehend noch auf die genannten Generalklauseln zu stützen. Voraussetzung hierbei ist, dass die Verarbeitung dieser Daten entsprechend dem Gesetzeswortlaut im Verantwortungsbereich der Schule erfolgt, d.h. entweder durch sie selbst oder indem durch Regelungen in einem Auftragsverarbeitungsvertrag sichergestellt ist, dass sie „Herrin der Daten“ ist.

Das heißt, die LDI NRW hält es für vertretbar, auch jetzt schon, noch vor Veröffentlichung der Änderung des Schulgesetzes, eine Plattform2Der Begriff E-Learning-Plattform ist nicht fest definiert. Es könnte hier sicherlich auch eine Arbeitsplattform wie CollaboraOnline drunter gefasst werden. an einer Schule verpflichtend einzuführen, wenn man sich dabei auf die sehr weit gefassten Generalklauseln in § 120 Abs. 1 Satz 1 und §121 Abs. 1 Satz 1 SchulG NRW stützt.

Wichtig ist dabei jedoch, dass diese Möglichkeit an Bedingungen geknüpft ist. 

  1. Die Schule muss Herrin der Daten sein. Dazu muss sie die Daten entweder selbst verarbeiten oder sie lässt sie im Rahmen eines Vertrag zur Auftragsverarbeitung durch einen Dienstleister verarbeiten.
  2. Eine Datenverarbeitung darf nur im Rahmen des Erforderlichen erfolgen; eine Protokollierung von Systemzugriffen zur Wahrung der Sicherheit der Systeme ist aus datenschutzrechtlicher Sicht erforderlich und damit zulässig. Nicht erforderlich und damit unzulässig wäre hingegen ein Zugriff der Lehrkräfte auf die Protokolldaten zur Kontrolle des Arbeitsverhaltens ihrer Schülerinnen und Schüler oder der Schulleitung zur Kontrolle des Arbeitsverhaltens der Lehrkräfte.
  3. Die betroffenen Personen, Schüler und Lehrkräfte, müssten über die verpflichtende Nutzung vorab entsprechend Art. 12 DS-GVO informiert werden.
  4. Es muss gewährleistet sein, dass alle Betroffenen die digitalen Module nur im zulässigen Umfang nutzen können. Dieses wird durch technische und organisatorische Maßnahmen geregelt, etwa entsprechende Voreinstellungen in der Plattform und gegebenenfalls Nutzungs- bzw. Dienstvereinbarungen.
  5. Es muss gewährleistet sein, dass alle Betroffenen die digitalen Module auch tatsächlich nutzen können. Die LDI NRW vertritt hier die Ansicht, dass Lehrenden und Lernenden entsprechende dienstliche Geräte zur Verfügung gestellt werden müssten.3In der Praxis wird es aber darauf hinauslaufen, sicherzustellen, dass alle Betroffenen zu Hause zumindest über entsprechende private Endgeräte verfügen und einen ausreichenden Internetanschluss. Ist solches nicht sicherzustellen, muss die verbindliche Nutzung auf die Schule beschränkt bleiben.

Auch bezüglich Videokonferenzen sieht die LDI NRW (S. 12) eine Möglichkeit, eine solche Plattform zur Aufrechterhaltung des Unterrichts- oder Konferenzbetriebs verbindlich für Schüler und Lehrkräfte einzuführen. Allerdings knüpft sie daran über die oben aufgeführten weitere Bedingungen. Diese gelten sowohl für den Austausch via Videokonferenz Plattform zwischen Lehrkräften und Schülern wie auch zwischen Lehrkräften oder Lehrkräften und der Schulleitung:

  1. Die Schulleitung muss es während der Schulschließungen und der weitgehenden Kontaktverbote zur Aufrechterhaltung des Unterrichts- und Schulbetriebs für erforderlich erachten, derartige Videokonferenzen durchzuführen.
  2. Diese Möglichkeit zur verbindlichen Einführung einer Videokonferenz Plattform endet mit der Wiederaufnahme des normalen Schul- und Unterrichtsbetriebs, da sich damit eine solche Erforderlichkeit nicht mehr begründen lässt.
  3. Eine Aufzeichnung von Bild- und Tondaten ist nicht zulässig, da diese nicht zur Aufrechterhaltung des Unterrichts- und Schulbetriebs erforderlich ist. Dass keine Aufzeichnung erfolgt, ist durch geeignete technische und organisatorische Maßnahmen sicherzustellen. In BigBlueButton dürften so beispielsweise Räume von Vornherein nicht mit Aufnahmefunktion angelegt werden. Teilnehmer an Videokonferenzen müssten darauf verpflichtet werden, dass sie auch mit Mitteln von Betriebssystemen oder spezieller Software keine Aufzeichnungen anfertigen.
  4. Es muss sichergestellt sein, dass an einer Videokonferenz nur berechtigte Personen teilnehmen. Das heißt, Eltern, Geschwister und andere Familienmitglieder oder Freunde dürfen nicht teilnehmen, zuschauen oder zuhören. Entsprechendes ist in einer Verpflichtung der Teilnehmer zu berücksichtigen.

Für die Auswahl geeigneter Videokonferenzplattformen hat die LDI NRW sogenannte Leitplanken für die Auswahl von Videokonferenzsystemen während der Kontaktbeschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie erstellt.

Schulen in NRW, die sich mit dem Gedanken tragen, eine E-Learning- oder Videokonferenz Plattform verbindlich einzuführen, sollten dabei sehr umsichtig vorgehen und sich vorab unbedingt mit ihrem behördlich bestellten schulischen Datenschutzbeauftragten beraten. Eine Übersicht über diese Datenschutzbeauftragten gibt es bei der Medienberatung NRW.

Auch wenn es sich bei der (vorübergehenden) verbindlichen Einführung einer Videokonferenz Plattform um eine Entscheidung der Schulleitung handelt, sollten die Mitbestimmungsgremien der Schule – SV, Elternpflegschaft, Lehrerrat und Schulkonferenz – in die Entscheidung mit einbezogen werden. Bei der Einführung einer E-Learning-Plattform ist die Einbeziehung der Mitbestimmungsgremien unverzichtbar.

Wer sich ausführlicher mit dem Thema der obligatorischen Einführung von Plattformen an Schulen, mit Beispielen aus Bayern und Bremen, beschäftigen möchte, sei auf den Beitrag Obligatorische Einführung einer Plattform verwiesen.

Stand 05/2020